ars cinema berlin e.V.
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Petr Baran

Bericht Petr Baran/Tschechien über das 2. "West-Östliches FilmFestival"
Es gibt Orte, in die ich immer wieder gern zurückehre. Nach Berlin, zu dem Festival, das schon das zweite Jahr „West-Östliches“ heißt insbesonders. Nicht wegen der Stadt selbst, eher wegen der Atmosphäre der ganzen Projektion, die in erster Reihe durch die Aufopferung und das Prestige der Veranstalter gestaltet wird. Und da rede ich noch gar nicht über die dortige Jury, welche es nicht nur kann, aber auch prägnante Ausführungen mit einem freundlichen und witzigen Lächeln erleichtern tut. Aber der Reihe nach.
Nach frühem- eher nächtlichem Aufstehen im verschlafenen Brno/Brünn, durchgerüttelt von der Autobahn D1, hat uns in Florenc (Busbahnhof) Pavel Vrbata aufgeladen. Aber oha, er war allein da, denn unsere wertvollen Freunde Jaroslav und Radka Nykl mussten die Teilnahme wegen gesundheitlicher Beschwerden im letzten Moment aufgeben. Großes Bedauern, wir hatten uns sehr auf sie gefreut. Es ist für mich sowieso ein großes Rätsel, wie es kommt, dass Jaroslav bei all seinen Beschwerden immer positiv gelaunt ist, gerade so wie seine Filme, die voll von Freude, Liebe und Schönheit sind. Er hat ja auch nach Berlin seinen Film das "Graue Märchen" geschickt, welcher bestimmt Punkte macht. Wie immer übrigens.
Nach ein paar Stunden Fahrt, Dank Pavels meisterhafter Fahrweise und guter Lesbarkeit des Navi, waren wir zeitgerecht beim ABACUS Tierpark Hotel. Wir räumen ein wenig ein und es geht los. Wie jedes Jahr sind bei den Teilnehmern nicht überwiegend Deutsche oder Russen, sondern Polen. Dieses Jahr waren es 40. Ein wenig stört das meine Sicherheit, dass der Zuschauer-Preis unser sein wird. Gemeint ist Jarda, aber den haben wir ja auch schon ein wenig vereinnahmt.
Der Filmmarathon fängt an. Wir sitzen zusammen mit Teilnehmern aus Kroměříž/ Kremsier, diesmal ohne den erkrankten Präsidenten, Ivo Dašek, Štipl‘s, Jarda Bouše und den wie üblich verapparateten Wolf Becker, in Zuschauerraum des Kino TONI, der erstaunlicherweise voll von Zuschauern ist.
Ich selbst habe große Freude, dass ich hier auch Tereza Brázdová sehe, dessen Film Rainer Hässelbarth sofort nach dem Posteingang mit Begeisterung in den Wettbewerb eingereiht hat. Ich wundere mich auch nicht, es ist eine paradevolle Reportage.
In dieser sechsstündigen Vorführung wurden von den insgesamt 195 eingesandten Filmen, mit diesen Film noch 57 andere aufgenommen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, mit in der Auswahlkommission zu sein.
Die Einführung ist traditionsgemäß freudig über die Ankunft der Teilnehmer bis aus dem entfernten Georgien, Russland, Kroatien. Je mehr östlich, desto mehr tritt die Idee der Veranstalter hervor, die Verbindung des Osten mit dem Westen. Vielleicht schon, aber ich sehe diese bestimmt künstliche, aber immer noch sichtbare Teilung, auch in der eigentlichen Stadt Berlin.
Die Vorführung ist in Blöcken geteilt, nach der Vorführung des jeweiligen gibt es eine Pause mit Erfrischung, welches vom Hotel Abacus gesponsert wird, nachher folgt das Jurygespräch. Wie ich schon weiter oben geschrieben habe, die Wertung ist lebendig, offen und sogar humorvoll. In Deutsch, da dies die Festival-Sprache ist. Gegenüber von allen anderen Vorträgen, welche in Russisch, Englisch und Polnisch übersetzt werden. Begreiflicherweise, sonst würde sich alles ungemäß langziehen.
Am späten Abend fahren wir zurück in das Hotel und nur einige von uns kamen der gesellschaftlichen Plicht nach und nahmen an einer freundschaftlichen Sitzung teil.
Am Morgen, nach einem hervorragenden Frühstück fahren wir ein Stückchen in das ehemalige West-Berlin zur Besichtigung des Museum "Topografie des Terrors", welches auf dem Grundstück entstand, wo zwischen den Jahren 1933-45 die Zentralen der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), der SS und des Reichssicherheitshauptamts residierte. Die Ausstellung zeigt die nationalsozialistische Politik und ihre Auswirkung auf die Stadt Berlin und seine Bewohner. Zu sehen sind Straßen voll von „Heil“ rufenden Mengen, lächelnde Gesichter nazistischer Machthaber, Hitler, Himmler und Göbbels, Abtransporte von Juden, Zigeuner und Homosexuellen. Die ersten Folgen der Bombardierungen, Parks zu Kartoffelfelder umgepflügt und fortschreitenden Terror. Bilder von Hinrichtungen bei der S-Bahn Linie direkt im Zentrum der Stadt. Und zuletzt die totale Vernichtung der Stadt und die Hölle auf Erden in den Kapitel Berlin und die Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft. Ich gehe mit meiner Frau lieber raus, wir besichtigen die Reste der kommunistischen Mauer, welche noch vor ein paar Jahren das sozialistische Arbeitslager von der freien Welt teilte.
An der bekratzten und wegen Souvenirs abgenagten Wand treffen wir amerikanische Veteranen und ich überlege, welche konkretisierende Zusatzbezeichnungen zu diesen Sozialismus für die Massen erdacht werden.
Nachmittags wird der Marathon mit weiteren Blocks fortgesetzt. In der diesjährigen Kollektion gibt es eine unglaubliche Anzahl von Animationsfilmen, überwiegend russische. Ich bin mir nicht ganz klar darüber, ob gerade solche Filme über das Leben im Osten aussagen. Aber vieleicht gerade weil die jungen Macher ihre Beiträge unter der liebevollen Aufsicht von Referenten herstellen, welche sie auch nach Berlin begleiten und beschützen, ist es doch eine gewisse Aussage.
Überrascht hat mich auch, das zusammen mit den Amateurfilmen auch Schulfilme vorgeführt werden. Ich will sie aber nicht bewerten. Damit montierte ich mich in die Klassifikation der einzelnen Filme, und das möchte ich nicht. Ich könnte nie ein Juror sein, Gott behüte mich. Ich bin imstande mir nur die Filme zu merken, welche mich fesseln. Und so viel waren es wiederrum nicht. Also von den Animationen der tschechische Pan Coko … , sehr schön gezeichnet, einwandfrei Einfälle. Nur, der mir unbekannte Autor Petr Marek, ist wahrscheinlich ein junger Spieler von PC-Spielen, bei dem rasenden Tempo des Bilderrhythmus konnte ich es nicht genießen. Aber es ist auch möglich, das wir langsamer, analogischer, das Geschehnis verständlicher, veralteter, primitiver, begriffsstutziger Zuschauer sind (nicht zutreffendes bitte streichen).
Vostatky habe ich schon erwähnt. Das sie keinen Preiss bekam hat mich überrascht. Eine sehr schöne Arbeit.
Weiter haben mich zwei polnische Filme „Antek“ und „Smolarze“ gefesselt, von den deutschen „Die Riesen in Berlin“. Eine Reportage zwischen der Menge gedreht, trotzdem waren die Riesen da.
Große Freude bereitete die Preisverleihung des Publikumspreises für Jaroslav Nykl. Im Unterschied zu all den gezeichnete oder animierten Filmen, und nicht nur hier auf dem Berliner Festival, haben die Figuren von Jarda ein Gemüt, Charakter, sie leben, leben mit uns. Und das nicht nur für die Zeit der Vorführung. Dank für sie, besonders in unserem kapitalistischen Sozialismus.
Auf den Rückweg, erwärmt durch einige Schlückchen Sekt bei der feierlichen Preisverleihung Sonntagvormittag in Hotel Abacus, überlegten wir mit Pavel, warum die jungen, hoffnungsvollen, begeisterten Computerfreaks jegliche Kritik ablehnten oder nur vorsichtig entgegen nahmen, nach Oskars sich sehnenden, bescheiden dokumentierende Macher (nicht zutreffendes wiederrum streichen) nicht in die Clubs, Gaststäten und an Vorführungen teilnehmen. Die Zukunft ist wahrscheinlich wirklich bei Facebook und Internetpartys. Wahrscheinlich brauchen sie eher mehr Gesten und Kommunikation ohne Sorgen vor irgendeiner Kritik.
Aber solange solche Treffen veranstaltet werden, wie das in Berlin war, wie sie in Kroměříš/Kremsier, in Litomyš/ Leitomischl usw. sind, werde ich an ihnen teilnehmen. Auch wenn mich die Jungen vielleicht nicht mehr dort haben wollen, dann trinke ich mit ihnen wenigsten einen Schoppen Wein. Am Facebook geht es nicht, dort kann man nicht anstoßen.

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